Rom
Römische Erzählung
Das Universum, das von einigen Rom genannt wird, besteht aus unzähligen Straßen, die sich mit Palästen, Tempeln und Türmen schmücken. Manchmal münden sie in Boulevards oder Alleen, mit Cafés, Läden, Colonnaden und Akazien versehen, oder in kleinere, engere Straßen, in denen die Luft stickig stehen bleibt und das Licht kaum den Boden erreicht. Andere finden plötzlich ein Ende an einer unvorhersehbaren Mauer, hinter der sich zierliche Palmen, Zypressen oder Platanen emporheben, oder öffnen sich zu einem Kreis oder einem perfekten Quadrat, in dessen Mitte ein Brunnen oder eine Säule für sich die Aufmerksamkeit reklamiert. Die Geräusche, die triumphalen Bögen, das wiedergespiegelte Licht durch die Früchte jenes Gartens, der unermüdliche Verkehr, die Tore der reichen Residenzen, die plötzliche Stille, die Narbe des verlassenen Archivs ergeben und verneinen sich unermüdlich.
Obwohl einige Stadtkarten versucht haben die äußeren Grenzen zu ziehen, das Innere zu gestalten, den Winkeln und Biegungen durch Koordinaten eine Richtung zu geben, die Textur ihrer Gebäude einer Epoche zuzuordnen, hat sich die Stadt als unfassbar, unsagbar, undefiniert gezeigt. Wie der verhängnisvolle Gott, der gleichzeichtig hier und dort verweilen kann, der mit jeder Gestalt erscheinen mag, für den das Gestrige und Heutige undifferenziert ist - jenseits unseres Vermögens, das uns die gegenwärtige und unverwechselbare Identität der Welt flüstert. Geläufig ist das Treffen mit einem Unbekannten, der entfernte Stadviertel preist und genau beschreibt, deren Namen den Zuhörern zum ersten Mal erklingen und in deren Häusern unmögliche Höfe Türe verbergen, die zu unterirdischen Gewölben aus Gold oder zu verpesteten Gefängnissen führen, aber der in Widersprüche gerät, wenn man ihn nach dem Weg fragt, oder unmittelbar vor dieser Frage plötzlich verschwunden ist.
Ein im Antiquariat gefundenes und vor einigen Jahrzehnten veröffentlichtes Buch berichtet über die aktuellen Ereignisse mit verblüffender Genauigkeit, aber auch über die unerhörten Niederlagen eines unbekannten Kaisers, dessen Kulturerbe durch das Tun seiner Feinde aus der Erinnerung gelöscht wurde. Unter heiterem Himmel erzählt die Kellnerin einem Kunden auf der Terasse, wie es um die letzten Neuigkeiten steht, dass sich Auserwählte eines Geheimbundes, die entschlossen waren den ungerechten Fürst zu ermorden, in der gestrigen Nacht durch die Gassen auf dem Weg des fürstlichen Palastes zur Vollstreckung ihrer grausamen Entscheidung verirrten: Die Dunkelheit und die verworrenen Gestalten der Häuser verengte und schwächte so ihr Gemüt, dass sie eine leichte Beute für die fürstliche Garde wurde. Am regnerischen Tag darauf erzählt erneut die Kellnerin an der Theke, wiederum im Besitz der neuesten Nachrichten, dass sich Auserwählte eines Geheimbundes, die entschlossen waren den ungerechten Fürst zu ermorden, in der Nacht durch die Gassen auf dem Weg zum fürstlichen Palast zur Vollstreckung ihrer grausamen Entscheidung verirrten: Die Dunkelheit und die verworrene Gestalt der Häuser weckte ihr Gemüt auf und flößte ihnen so viel Mut ein, dass sie mit großer Leichtigkeit die fürstliche Garde niederschlagen und den Fürst ohne Gegenwehr ermorden konnten. In dieser Stadt scheint nur zur Orientierung für den Reisenden der Ausspruch des Janus zu gelten: Hinten dem Erhabenen das Ungeheuerliche, hinter der Schönheit der Abgrund.
Die Straße aus der ovalen Piazza Navona, die noch die Form der alten Rennbahn bewahrt, scheint gerade zu sein, aber nimmt wohl die leichte Form einer Kurve, die sich allmählich schließt, die Straße wird etwas enger, und für den Himmel bleibt nur ein kleiner Streifen zwischen den beiden Reihen von Dächern. Dann kommen die ersten schmalen Kreuzungen, Straßen, die sich bald verzweigen oder die abrupt abbiegen, die bald enden, oder aber die Fassaden erlauben den Riss einer Gasse oder öffnen sich etwa für die Anwesenheit eines Baumes oder eines Brunnens, an denen wir uns versammeln und einen Moment rasten können. Kein Zweifel daran, dass wir alle ankommen werden, einige Fragen, ein paar Kommentare, nicht weit ist der Fluss, der Tiber, denke ich, und danach Il Castello...
Der ist wirklich weg, flüstert jemand, und das überrascht mich nicht, wie könnte es anders sein. An meiner Seite bekräftigt Christian, ja, der ist wirklich weg. Die janische Stimme flüstert in mir, ein unermüdlicher Gott habe uns ihn weggenommen, und er diene in einer anderen Jetztigkeit, aber in einem Palast nicht weit von hier, bis ihm die Gottheit etwas anderes verordne. Vielleicht habe er sich durch die Straßen verirrt, und, angekommen auf einem Hof, sei er durch eine Treppe in einem verworrenen Haus angelangt, aus dem kein Ausgang zu finden sei. Oder er habe gedacht, da seien wir, aber es sei eine traurige Prozession gewesen, die die Vollstreckung eines fürchterlichen Auftrags zusammen hielt und zum Marschieren zwang. Nein, der ist leider nicht mitgekommen, und Christian betrachtet mich mit ironischen Augen. Wirklich nicht, wir haben auf ihn gewartet, aber er ist nicht unter uns gewesen, sagt Yasemin ohne Ironie und etwas gereizt -Wirklich, unwirklich, so viele Formen, so viele Möglichkeiten, so viele Schatten-. Wer hat seine Handynummer, fragt Dagny. Soll ich ihn anrufen?, schlägt Anouk vor. -besser einen städtischen kleinen Dämon zum Suchen und Finden des Verlorenen schicken. Und was machen wir jetzt? Junus behauptet fröhlich, dass er klar komme, dass er wiederkehren oder das Ziel erreichen könne ohne uns -ach, und wenn er zehn Jahre dafür braucht? Hören Sie mal, Jasmin, an dem Brünnchen hier ist es nett, aber wollten wir uns nicht (die Stimme ist energisch, auch frech?) weiter bewegen? Sarah Mae rollt die Augen, können wir jetzt weiter gehen? und lächelt. Ach der, der kommt schon klar, Diego, der nie etwas hört, weil er immer diese angehängten Ohrdeckel trägt, und von dem ich nie mit Genauigkeit zu sagen weiß, wo er sich aufhält. Und sein Handy ist aus, Cemre, also weiter, andiamo! Selber schuld, Kerem. Wer ist schuldig?, ich. Der Yasin... Das habe ich in Stereo wahrgenommen, Und warum? - Weil er weg ist. Ach, der Yasin, und er hatte so toll mitgemacht... Werden wir ihn wieder sehen?
In der Höhe von der Galleria Aldo Russo spiele ich mit den verschiedenen Formulierungen, die das Verschwinden eines Schülers erklären sollen. Die Dioskuren bedürfen der Begleitung eines weisen Jungen. In der Biegung des Montevecchio sehe ich Yasin sowohl im Hades als auch im Casino: Bei der ersten Möglichkeit könnte ich wenigstens meine Schulleitung überzeugen, dass aus unseren Reihen nicht nur bekannte Regisseure und Schauspieler hervorgegangen sind, sondern auch eine neue Art von Odysseus. Bei der zweiten Möglichkeit ist mir ganz bewusst, dass keiner der Vermissten als besonderer Kartenspieler bekannt ist. An der Gasse der Alchimillia sehe ich vor mir die pompösen Feste der Unsterblichen, deren Schatzkammern und Gefängnisse - mein Schüler in ein göttliches Geschöpf verwandelt, als Diener des Minotaurus, als Verurteilter, als goldener König. Könnte ich dann den Versicherungssachbearbeiter überzeugen?... Das Verständnis des Jugendamts gewinnen? ... Die Mutter trösten?.. Auf der Ponte Sant'Angelo bleiben mir nur die Argonauten übrig, und vor dem Castello fielen mir die guelfischen Liebschaften und Verschwörungen ein. Was ist aus diesen mutigen Schicksalen geworden?
Dann erscheint der Petersplatz und die Peterskirche, und alle Kümmernisse, alle Ängste, alles Treiben und Suchen sind vergessen. Zu den Erinnerungen zählt, wie wir in einer langen Reihe am Eingang lange Zeit unter der gleißenden Sonne stehen, die uns alle zwingt, uns als Beduinen zu verkleiden, oder wie die Klarheit des Inneren jede Messung und Orientierung raubte, oder wie unsere gewiss fröhliche Müdigkeit aus der Kuppel unerwartete die Stadt zeigt.
Als wir uns da draußen am Obelisk der mit dem Glück nicht immer harmonisierenden Nektanebos II versammeln, finden wir Yasin, der aus der Stadt hervorkommt. Ich frage mich, welchen der möglichen Yasin wir vor unseren Augen haben, aber auch welche der möglichen Gestalten aus unserer Mitte er vor seinen Augen hat, freue mich aus ganzem Herzen und bin erleichtert. Er gibt den Nachdenklichen, spricht wenig, scheint in sich gekehrt zu sein, wenig an seinem Umfeld interessiert, im Kampf um etwas, was ich nicht bestimmen könnte. Hatte er eine Epoche besucht, in der nicht die Römer, sondern die Kartager die punischen Kriege für sich hätten entscheiden können? Was für ein Rom wäre dann dieses gewesen? Welche Sprache hätte er dann gesprochen? Ich traue mich nicht ihn weiter zu befragen, die Fragen jagen die Menschen, lassen sie nicht schlafen, bringen Verpflichtungen, Schulden, Vertrauen... Und dann verabschieden sich alle und gehen in unterschiedliche Richtungen.
Am nächsten Morgen treffen wir uns um neun Uhr vor Santa Maria Maggiore, deren innere Säulen in einer dunkelschmutzigen Nacht von Junos Tempel auf dem Aventin auf den Esquilin transportiert wurden. Sie sind fast alle pünktlich da. Dann kommen etwas verspätet vier Abenteuer, Entdecker, Verschwörer, oder Begleiter von Corto Maltes zu uns: Junus mit verschmitztem Lächeln, Kerem mit sicherem Blick, Christian mit jubelnd erhobenem Haupt, Yasin, Sieger eines unmöglichen Streichs. Sie sehen müde, aber glücklich aus. Hatten sie vielleicht den Fürst zum Orkus geschickt oder den Mordzug angehalten?
Wir betrachten die vier verständnislos, eingeschüchtert. Ihre Blicke schweben über den Platz, unsere Köpfe, messen sich mit dem Himmel. Yasin tritt aus der Gruppe hervor und spricht feierlich, aber auch etwas witzig: „Ich danke euch allen, dass ich gestern vergessen würde." Jetzt kommt die ewige Rückkehr, Prometheus' Fels, die letzte Reise der Akeen. „Als ich gestern vergessen wurde und merkte, dass mein Handy keinen Akku mehr hatte, lief mein Gemüt durch alle Stadien der Angst und des Mutes, ich suchte euch vergeblich, es waren nur ein paar Sekunden, in denen ich mich umgewandt hatte, und plötzlich war ich allein. Ich lief durch die Stadt, verweilte in einem Café, sprach zu einer alten Frau, die mir bekannt schien, sah einen Disput am Kapitol, ein Bettler sprach zu mir auf dem Caelius in drei verschiedenen Sprachen, die ich nie vorher gehört hatte, eine Taxifahrerin berichtete mir über einen fürstlichen Mord. Zufällig nach einigen Stunden, Tagen, Monaten erreichte ich den Petersplatz. Alle Kümmernisse, alle Ängste, alles Treiben und Suchen waren vergessen.
Auf der anderen Seite der Platzes, an einem großen Tor, gab es eine Gruppe von Menschen, bedeckt mit langen bunten Tüchern, die wie Beduinen den Platz mit ihrer fröhlichen Präsenz beherrschten. Ich traute mich nicht dorthin zu gehen. Die Sonne war allgegenwärtig, und ich suchte Schatten. Unter den Säulen sah ich ein von zwei Gardisten bewachtes großes Tor, das Tor der Schatzkammer. Ich dürfe nicht hineingehen, aber könne ich mich zu ihren Füßen setzen. Sie sprachen nicht zu mir und ich versuchte überhaupt nicht, Kontakt aufzunehmen. Nach einer Weile, vielleicht war ich eingeschlafen, hörte ich eine Art Dialekt des Deutschen. Es waren die Gardisten. Ich wunderte mich und fragte, woher sie kämen. Aus der Schweiz, antworteten sie, und dann fingen wir einen Bekanntmachungsdialog nach allen Regeln der Konversation an. Wir sprachen über unsere Herkunft und Familie, über den Wind im Norddeutschland, die brennende Sonne in Rom, die grünen aargauischen Täler und das Leben im Ausland, wir tauschten unsere Erfahrungen, wie man als Gardist lebt, wie das Leben als Gymnasiast ist. Irgendwann sah ich eine familiäre Gruppe, verabschiedete mich höflich von den Gardisten und ging zu jener Gruppe, das seid ihr gewesen. Aber ich danke euch nicht, weil ich verloren war und danach einen Gardisten kannte, sondern wegen der Folgen, die sich am heutigen Tage einstellten.
Um sechs Uhr sind wir aufgestanden, um an der päpstlichen Audienz teilnehmen zu können." Wer? - Anouk. „Wir, also Junus, Kerem, Christian und, und ich." Warum heute? - Jazmín. „Immer am Mittwoch gibt es eine Audienz. Es war alles dunkel in der Stadt, als wir los gingen, Schatten, undefinierbare Gestalten und anderes war auf dem Weg. Aber wir hatten keine Angst und waren pünktlich da. Aber am Tor haben sie uns nicht eingelassen". -Warum habt ihr den Sicherheitsdienst nicht überrumpelt? -Dustin. „Wir waren natürlich enttäuscht, es war etwas kalt, und wir hatten Hunger. Und dann kam der Gardist, der Gardist von gestern. Ich weiss nicht woher. Er war plötzlich da, etwas verloren, wie auf der Suche, und dann wandte er sich zu uns, etwas grob, martialisch, bedrohlich. Wir wussten nicht so genau, was wir machen sollten. Er sah mit der Hellebarde und dem Katzbalger nicht freundlich aus." Der Katzbelgier? -Svenja. Eine Art Schwert oder Degen, wie die Shiavona oder der Rapier -Diego. „Und seine Gebärden waren nicht freundlich, aber plötzlich erkannte er mich..." - Aus welcher Zeit? „...und wir kamen in ein friedliches Gespräch und erzählten ihm unser Missgeschick. Er sah uns in die Augen und antwortete, kommt mit, und durch ein anderes Tor, durch Flure aus Marmor und Fresken gelangen wir plötzlich zu der Audienz. Ist das nicht irre? Also danke. Trotz der gestrigen schwierigen Momente. Eine Stunde waren wir dabei und konnten sogar kurz mit dem Papst sprechen."
Nach dieser Erzählung ist der Himmel heiter, die Luft trocken, aber machmal kommt eine gute Brise, die uns erneut in die Stadt einlädt.
Die Tutandenreise nach Rom fand zwischen dem 11.September und dem 16.September 2010 statt.
Nachtrag:
Ich war nie vorher in Rom gewesen, und es war ein wenig wie in einem Traum. Es gab nicht nur diese Stadt, sondern alles, was jemand im Lauf des Jahres gelesen, gehört und in Filmen gesehen hatte. Alles gleichzeitig anwesend, aber auch gleichzeitig bereits vergangen. Ein plastisches Labyrinth vor den Augen. Die Tutanden des Jahrgangs haben sich dieser Atmosphäre nicht entziehen können, und sie haben vermutlich unter meinen Geschichten gelitten. Wir waren nicht nur verloren, sondern wir waren oft nicht mehr eure Zeitgenossen. Irgendwann kamen wir nach Hamburg zurück. Die gleiche Anzahl und dieselben Leute, aber bei Letzterem bin ich nicht so sicher.
Aus der pädagogischen Ecke eines Lehrers
Erfahrungen bei einer Tutandenreise
Schon im Flugzeug fragte mich Lisan, ob die Stadt von Räubern nur so wimmele, wie man gelegentlich hört, eines dieser Vorurteile, die so häufig eine fremde Stadt verschleiern. Sie sagte es ohne Furcht, und ihre Frage hatte nur informativen Charakter. Ach Räuber, wenn überhaupt Taschendiebe, wie bei uns auf dem Weihnachtsmarkt, konterte Laura, und oft ist es so, dass die Touristen ihr Portemonnaie selbst irgendwo hinlegen und vergessen oder verlieren, weil sie einfach überfordert sind.
Diego erzählte von diesen Taschendieben, die von der Vespa aus den alten Frauen die Taschen wegnähmen, und wehe, wenn sie nicht schnell losließen, dann würden sie über die Straße mitgeschleppt, mit einem nicht unerheblichen Risiko für ihre Gesundheit. Lisan betrachtete ihn sehr skeptisch. Ich ergänzte, dass ich diese Art der Steuernahme auch von Spanien kannte, aber nicht gesehen hatte, wenn überhaupt habe es sie in den 80er Jahren gegeben, aber die Zeiten sind vorbei. Und die Räuber mit Taschenmessern, Degen und anderen feinen Produkten der guten Schleifkunst sind ein Teil der Mythologie, die eine gewisse Leidenschaft für die Räuberkunst einigen Ländern zuschreibt.
Beim Frühstücken am nächsten Tag berichtete uns eine deutsche Lehrerin im Hotel, dass jemand nachts in ihr Zimmer geschlichen sei, sie und ihre Kollegin hätten im Tiefschlaf gelegen, und ihnen vierhundert Euro geklaut habe; deswegen sollten wir immer mit geschlossenen Fenstern schlafen, obwohl es warm sei. Und die Schüler sollten über die Risiken Bescheid wissen. Meine Schüler hörten sehr aufmerksam zu, ich auch, aber ich konnte die Geschiche trotzdem nicht richtig glauben, es schien mir alles sehr typisch, sehr oft gehört, sehr elaboriert oder forciert. So müde waren sie? So ein guter Dieb, der außerdem imstande war, sechs Metter zu klettern? Keine Geräusche? Christian erklärte unbedarft und ungefragt, dass sie, die Lehrerin, von Glück sprechen könnte, da sie nicht mitgeraubt wurde. Ich sagte nichts, aber die Zeiten der Sabinerinnen waren meines Wissens schon etwas her.
Und dann erzählte Aysli aus einem Film, wie man das Geld aus einem Anzug entnehmen kann, ein kleiner Stoß, schnelle Finger sehr schnell unter die Jacke, Portemonnaie gefasst und genommen, dem Opfer Entschuldigung sagen und dann weg, aber, und das ist das Entscheidende, die Ware dem Komplizen weitergeben, damit man selbst nicht beschuldigt wird. Ich ergänzte, dass eine Kamera sich immer gut klauen lässt, und streichelte meine Kamera. Ein Freund von mir hatte tausende von Fotos in London gemacht, er war allein ohne Begleitung, und er dachte, dass es keine Fotografie mit ihm gab, keinen Beweis, dass er in London gewesen war, also fragte er eine junge Frau am Trafalgar Square, ob sie ihn fotografieren würde, sie bejahte es, und er lief Richtung Siegessäule und als er sich umdrehte, war sie mit der Kamara und den tausenden Fotografien weg.

Rupinder fragte mich, ob die Geschichte wahr sei. Ja klar! Sie ergänzte, dass solche Geschichten im Kindergarten immer in aller Munde waren. Einer von den Jungs sprach über die Vergeltungsaktionen der Narcomafias in Mexico oder Columbien, und jemand berichtete über Menschen, die verschwunden waren, und man wusste, wer der Täter war und was seine Motive waren. Ich merkte schon, dass das Frühstück angefangen hatte einem Killerfilm zu ähneln. Ein paar beindruckende Beschreibungen kamen auch auf den Tisch – ich nehme an aus Filmen – und ich versuchte das Thema zu ändern, bevor die Details immer unangenehmer wurden.. Lieber über die Kaiser sprechen, die Fürsten, die Damen, die Kirchen und die Paläste... Rom ist etwas anderes.
Wir waren danach den ganzen Tag unterwegs: Kapitol, Forum, Palatin, Colosseum. Und als wir rasteten und uns eine Pause am Colosseum gönnten, kam er, der Legionar. Ich verstand sofort, oder glaubte zu verstehen: Diebe, Räuber, Vergeltungsaktion hin oder her, wenn wir Angst von jemanden hier haben sollten, dann vor dem Legionar, falls wir auf die Idee kämen, ihn ohne Erlaubnis und Bezahlung zu fotografieren.
Die Tutandenreise nach Rom fand vom 11. bis 16. September statt.
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